Islamisches Zentrum Hamburg
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Nachrichten Code : 42690
Datum der Veröffentlichung : 1/16/2014 9:47:00 PM
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Islamkunde 82 – Islam und Spiritualität 9 Redner: Ayatollah Dr. Reza Ramezani Imam und Leiter des Islamischen Zentrum Hamburg

Die Spiritualität ist heutzutage zu einem solch wichtigen Thema geworden, dass sich dessen Bedeutung von niemandem mehr abstreiten lässt.

 

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen.

 

 

Aller Lobpreis gebührt Gott, dem Erhabenen, dem Herrn aller Welten. Wir danken Ihm für Seine Gnade und Seine Gaben und bitten Ihn um Hilfe und Rechtleitung in allem, was wir tun, und hoffen, dass Er uns in Seine Gunst aufnimmt. Sein Frieden und Segen seien mit unserem Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm), seinen reinen Nachkommen (Friede sei mit ihnen) und seinen rechtschaffenen Gefährten. O Diener Gottes, ich rate mir selbst und Ihnen allen zur Ehrfurcht vor Gott und zum Gehorsam gegenüber Seinen Geboten.

Die Spiritualität ist heutzutage zu einem solch wichtigen Thema geworden, dass sich dessen Bedeutung von niemandem mehr abstreiten lässt. Man muss sich aber auch im Klaren sein, dass sich die Spiritualität nicht von den Lehren der Religion trennen lässt. Die Lehren aller monotheistischer Religionen und vor allem des hl. Propheten Muhammad (s.) sind ein Aufruf zur Spiritualität. Sie rufen zum Monotheismus und zu ethischen Tugenden auf, die die Art der Propheten und göttlichen Lehrer in Theorie und in Praxis erfüllten, und die immer schon eine gute Grundlage für die spirituellen Strömungen der Menschheit waren. Die Tatsache, dass von den Opfern, die Cain und Abel brachten, nur das Opfer von Abel anerkannt wurde weil seines aufrichtiger war, ist eine absolut immaterielle und spirituelle, geistliche und göttliche Angelegenheit.

Es wäre angebracht, uns mit den Dingen zu befassen, die bei der Ausbreitung der Spiritualität mitwirken, und zwar im Zusammenhang mit der Religion. Wir möchten hier besprechen, was die religiösen Lehren dazu sagen.

Ich möchte daran erinnern, dass die Spiritualität ihren Ursprung in den höheren und heiligen Neigungen der Menschen hat. Neigungen, die immaterieller Natur sind dem Inneren, der Veranlagung der Menschen entspringen und in allen Menschen stärker oder schwächer vertreten sind.  Es handelt sich hier um eine Neigung, die man pflegen muss, damit sie aufblüht und sich entfaltet. Zu den Dingen, die eine sehr wichtige Rolle darin spielen, die Menschen in ihrer Spiritualität zu stärken, ist ihre Kenntnis von Gott dem Erhabenen. Gott ist im Besitz aller substantiellen Vollkommenheiten und ist absolut unabhängig. Ihm gegenüber sind alle Wesen der Welt absolut abhängig. Dieser Glaube, der in der islamischen Theologie und Philosophie sehr genau behandelt wird, macht den Menschen mit einem allmächtigen Schöpfer bekannt, der alles sieht und hört. Eine solche Kenntnis wird für den Menschen zu einer Quelle der Spiritualität. Gott ist der einzige, – „doch mir ist offenbart worden, daß euer Gott ein Einziger Gott ist[1]“ – er ist die klare Wahrheit: „und sie werden erfahren, daß Allah allein die lautere Wahrheit ist“[2] Er ist absolut: „Sprich: "Er ist Allah, ein Einziger. Allah, der Absolute (ewig Unabhängige, von Dem alles abhängt).“[3] Er hat alles geschaffen: „Es ist kein Gott außer Ihm, dem Schöpfer aller Dinge.“[4] Und alles ist von ihm abhängig: „O ihr Menschen, ihr seid arm und auf Allah angewiesen, Allah aber ist auf keinen angewiesen und ist des Lobes Würdig.“[5] Der Mensch und alle anderen Wesen sind immerwährend von ihm abhängig, sie können ohne Gott weder entstehen noch fortbestehen.

Wenn diese Kenntnis über den Ursprung, den Kenntnissen über die Wiederauferstehung und das Jenseits hinzugefügt wird, werden die Überzeugungen der Menschen gestärkt und bringen ihn auf den Gipfel der Spiritualität. Sie fühlen sich dadurch sich selbst, ihrem Gott und anderen Menschen gegenüber mehr verantwortlich. Ein Mensch, der diese Stufe erreicht hat, wird immer bemüht sein, sich selbst nicht zu vergessen und auch immer daran denken, dass Gott größer ist. Er wird sich seinem Gott gegenüber verantwortlicher fühlen und sich dazu verpflichten, ihm zu gehorchen. Er wird immer versuchen, seiner Pflicht auf die beste, ihm nur mögliche Art nachzugehen. Er liebt seine Mitmenschen und beteiligt sich an ihren Problemen, er gibt ihnen immer Ratschläge und Hinweise, damit sie die Wahrheit erreichen und nicht vom rechtschaffenen Pfad abkommen.

Dies zeigt, dass Spiritualität und Vernunft niemals voneinander getrennt sind. Sie bewahren sich sogar gegenseitig von Abweichungen und Schäden, die sie sonst nicht meiden könnten. Vernunft ohne Spiritualität ist leer und vergänglich, während Spiritualität ohne Vernunft zu Aberglaube, Sektiererei und Wucherei. Plato sagte über die Sophisten, die den Verstand für ihre eigenen, materiellen Ziele nützten: „Sophisten sind Händler, die mit spirituellen Waren handeln.“

Der gläubige Mensch hat die Religion als Maß und kann damit spirituelle Waren abwiegen und bewerten. Er ist wahrlich wachsam und klug. Die Spiritualität ist keine Ausrede, den Verstand zu vernachlässigen, und es gibt auch keinen Grund, auf die Spiritualität zugunsten der Vernunft zu verzichten. Die Vernunft weist dem Menschen den Weg und verhindert, dass er sich auf imaginären Wegen verirrt, doch sie wird niemals von der wahren Spiritualität unabhängig sein.

Die Spiritualität von der Vernunft zu trennen führt dazu, dass der Mensch Sektiererei und Aberglaube betreibt, doch die Vernunft kann ihn ohne Spiritualität auch nicht seinem höheren Ziel näher bringen. Die Bindung zwischen Verstand und Spiritualität, welche ja eigentlich die Verbindung zwischen Vernunft und Offenbarung ist, ist für ein gläubiges und reines Leben unabdingbar. Maulawi sagt dazu:

„Die Individualvernunft begreift nicht, was der Universalverstand interpretiert. Sie ist nicht selbstständig sondern auf Methoden und Technik angewiesen. Sie ist des Lernens fähig, doch nur der Besitzer der Offenbarung kann sie belehren. Alles, was der Mensch in seinem Alltag macht hängt von der Offenbarung ab, die Individualvernunft hat nur die Kenntnisse erweitert, die sie vom Universalintellekt übernommen hat, welcher die gesamte Existenz umfasst.“

 

 

[1] 18:110

[2] 24:25

[3] 112:2

[4] 6:102

[5] 35:15


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