Islamisches Zentrum Hamburg
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Nachrichten Code : 42557
Datum der Veröffentlichung : 1/15/2014 2:30:00 PM
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Symposium im Künstlerhaus in Hannover

Am 23. und 24. Oktober 2013 veranstalteten Prof. Dr. Dr. Ina Wunn und die Philosophische Fakultät der Leibniz Universität Hannover in Zusammenarbeit mit der Mediengruppe Madsack (Hannover) das Symposium "Das Gewaltpotenzial der Religionen" im Künstlerhaus in Hannover.

Am 23. und 24. Oktober 2013 veranstalteten Prof. Dr. Dr. Ina Wunn und die Philosophische Fakultät der Leibniz Universität Hannover in Zusammenarbeit mit der Mediengruppe Madsack (Hannover) das Symposium "Das Gewaltpotenzial der Religionen" im Künstlerhaus in Hannover.

 

Immer wieder werden Menschen in den unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen unterdrückt und erfahren Gewalt an Leib und Seele. Oft berufen sich die Gewaltausübenden in ihren Aktionen auf Aussagen ihrer jeweiligen Religion und betrachten sich hierdurch legitimiert, auf dem Wege Gottes anderen Menschen Gewalt anzutun. Wird diese Realität tatsächlich durch die Religionen bestätigt und gefördert?

Zur Diskussion dieser Thematik wurden nationale und internationale Experten aus Religion, Wissenschaft und Politik eingeladen. Insbesondere die Vertreter der drei abrahamitischen Weltreligionen Judentum (Charlotte Knobloch), Christentum (Margot Käßmann und Erzbischof Gerard Lerotholi) und Islam (Ayatollah Reza Ramezani) bekamen die Gelegenheit, aus der jeweils eigenen Sicht das Verhältnis zur religiös legitimierten Gewalt darzustellen.

Ayatollah Dr. Reza Ramezani stellte auf der Basis der authentischen islamischen Texte und Überlieferungen seine Sicht der islamischen Lehre dar. Aus seinem Vortrag "Der Islam - Eine Religion der Spiritualität und Ethik" sei im Folgenden ein kurzer Auszug aufgeführt: „Der Islam misst Aspekten wie Spiritualität, Logik und Sicherheit eine besondere Bedeutung bei: Indem er die Barmherzigkeit Gottes und Seines Gesandten betont, lädt er die Menschheit zu Freundlichkeit, Vergebung und Güte ein. Indem der Islam einen Schwerpunkt auf die Vernunft legt und versucht, den logischen Diskurs zu fördern, weist er einen Weg, auf dem sich unzählige Probleme der Menschheit lösen lassen. Ebenso klar und deutlich wird im Koran ein Verhalten betont, das auf Menschlichkeit beruht, was Frieden, Sicherheit und Ethik impliziert. Daraus ergibt sich die Verpflichtung des Menschen, Gerechtigkeit sowohl sich selbst wie auch seinen Mitmenschen gegenüber zu üben. Ein Moslem wird alles daran setzen, sowohl die Grenzen der Menschlichkeit wie auch die Menschenwürde zu achten. Die individuellen Rechte aller Menschen sind auf allen Ebenen einzuhalten und niemand darf seiner Rechte beraubt werden. Der Koran fördert die Entwicklung einer Sozialethik, mithilfe derer ein friedvolles Zusammenleben mit Nicht-Muslimen garantiert werden kann: „Allah verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht des Glaubens wegen bekämpft haben und euch nicht aus euren Häusern vertrieben haben, gütig zu sein und redlich mit ihnen zu verfahren; wahrlich, Allah liebt die Gerechten.“ (Al-Mumtahana, Q. 60:8)

Die evangelische Theologin Margot Käßmann stellte in ihrem Vortrag die Frage: „Reformation und Toleranz – ist das nicht eine völlig unpassende Kombination? Die Geschichte der Reformation und Gegenreformation ist doch eine Geschichte der Intoleranz, die an den unversöhnlichen Haltungen der Akteure zu Glaubensfragen, an Konfessionskriegen und an dem Verhältnis zu anderen Religionen ablesbar wird. Sie wirkt bis in unsere Tage fort, zum Beispiel in der Frage, ob die 500-jährige Wiederkehr der Veröffentlichung der 95 Thesen in Wittenberg 1517 ökumenisch gefeiert werden kann, und im blutigen Nordirlandkonflikt des 20. Jahrhunderts. Schon früh lässt sich jedoch auch eine reformatorische Lerngeschichte der Toleranz erkennen. Auf der theologischen Basis der Glaubens- und Gewissensfreiheit des Einzelnen wurde im Verhältnis zu anderen Konfessionen und Religionen immer wieder um Toleranz gerungen und Toleranz gelebt. Wenn Toleranz nicht bedeuten soll, das Trennende aufzuheben, sondern Differenzen auszuhalten, muss um die Grenzen der Toleranz auch heute immer wieder neu und mit Respekt vor der Position des Anderen gerungen werden. Die aktuelle Herausforderung des Zusammenlebens der Konfessionen, Kirchen und Religionen in Toleranz und Respekt zeigt sich vor diesem Hintergrund als historisches Erbe der Reformationszeit.“

 

Der Erzbischof von Maseru (Lesotho), Gerard Tlali Lerotholi, sprach über das Gewaltpotenzial der Religionen: „Religion ist ein menschliches Phänomen, das von keiner Gesellschaft oder Regierung ignoriert werden kann und mit dem vorsichtig umgegangen werden muss, weil es dazu dienen kann, die Gesellschaft aufzubauen oder zu vernichten, menschliches Leben zu retten oder zu zerstören. Religion hat das Potenzial, in beide Richtungen eingesetzt zu werden und wurde in beide Richtungen benutzt. Die Geschichte zeigt, dass mit religiöser Praxis oftmals Gewalt einhergeht. Alle großen Religionen sind trotz ihres Anspruchs, auf Frieden gegründet zu sein, und der Behauptung, Frieden zu predigen, mit Gewalt behaftet. Ihre jeweiligen Texte und Rituale stiften nicht nur Beziehungen zwischen ihren Anhängern und Gott, sie begründen auch Haltungen anderen Religionen gegenüber: Sie verpflichten ihre Anhänger zu einer Reihe von Glaubensinhalten und Dogmen, die andere Religionen ausschließen. Dadurch kann es zu religiöser Intoleranz und zu religiösem Extremismus kommen. Diese gehören zu den größten Quellen für religiösen Zwist. Nicht Religion an sich ist der Grund für Konflikte, es sind diejenigen, die Religion für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren. Das Streben nach Weltfrieden ist die Aufgabe jedes Einzelnen: Entweder leben wir zusammen in Frieden und Harmonie, oder wir gehen gemeinsam im Streit unter. Aufgrund der Unwissenheit in Bezug auf andere Religionen ist es notwendig, die religiösen Lehren und Praktiken des Anderen zu studieren. Von den Gläubigen muss eine bewusste Anstrengung unternommen werden, Liebe und Verständnis zwischen unterschiedlichen Menschen zu fördern. Sie müssen davon absehen, Religion politisch einzusetzen, um Feindschaft und Gewalt anzufachen. Letztlich müssen sie davon Abstand nehmen, ihre eigene Religion als anderen Religionen überlegen, als die einzig wahre oder endgültige zu bezeichnen. Religiöse Konflikte haben eine lange Geschichte. Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber wir können die Zukunft gestalten.“

 

Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sagte: „Judenfeindlichkeit  bis hin zu Hass und Vernichtungsabsicht begleitet die Geschichte der Juden bis heute. Auch und gerade in Deutschland verdient  der Antisemitismus eine besonders aufmerksame und analytische Beobachtung.“ Oded Wiener, der Generaldirektor des Oberrabinats, sagte: „Die Aufgabe der religiösen Führer ist es allen voran Ungerechtigkeiten beim Namen zu nennen, nicht wegzuschauen, Schuldige zur Verantwortung zu ziehen und Verständnis und Achtsamkeit füreinander, den interreligiösen Dialog und den Frieden unter allen Menschen zu befördern.“ Omar Hamdan, Professor für Koranwissenschaften an der Universität Tübingen, sagte: "Der Koran spricht sowohl vom Frieden als auch vom Krieg. Dabei stellt sich die Frage: Wie ist das Verhältnis von Aussagen über Frieden und Krieg zueinander? Von den 500 rechtsverbindlichen Koranversen, die knapp ein Sechstel des gesamten Korans ausmachen, befassen sich lediglich zwei Verse zentral mit den Themen Kämpfen und Töten. Die Verse, die zu Frieden, Vergebung, Offenheit, Toleranz und Wahrnehmung des Anderen aufrufen, haben dagegen eine viel stärkere Präsenz.“


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